Freitag, 14. Dezember 2012

Der Wendepunkt*

Entgegen meiner üblichen Gepflogenheit waren meine ersten beiden Wörter auf slowenisch nicht etwa “Danke” oder “Bitte”, sondern “Zavrtimo Skupaj”. Nicht weil ich mir das ausgesucht hätte, weil ich die beiden Wörter zusammen so gutaussehend fände und sie auch noch leicht auszusprechen wären. Nein, einfach weil sie das Motto der Kulturhauptstadt bilden: Der Wendepunkt.

Überall sprangen mir bei meinen Streifzügen durch die pflastersteinige Innenstadt diese beiden Wörter ins Gesicht, immer in Verbindung mit dem ebenfalls allgegenwärtigen Logo.

Irgendwann habe ich aufgehört darüber nach zu denken. Bis ich mich in stillen Stunden nicht nur mit mir sondern auch mit der Geschichte Maribors anfing auseinanderzusetzen.

Nach und nach merkte ich, dieser Wendepunkt, der die Stadt von einem ehemaligen Industriezentrum in etwas anderes verwandeln soll, er ist nicht der einzige in der Geschichte. Ganz im Gegenteil: alleine im 20. Jahrhundert hat sie dreimal ihre Identität gewechselt. Dazu muss man ja nur mal auf die Straßennamen schauen, wie Drago Jančar in seinem Buch “Nordlicht” schreibt: Aus der Goethestraße wird die Prešerenstraßen, dann löste ihn Goethe wieder ab, am Ende siegte aber doch der slowenische Dichter. So erging es den meisten Straßen und Plätzen in dieser Stadt, die immer wieder aus ihrer Identität gerissen wurde, durch das Zusammenbrechen von Reichen, durch Besatzungen, durch Befreiungen, durch das Platzen von großen Ideen und das kindstotplötzliche Sterben der Industrie. Ein Übermaß an Geschichte sozusagen.

Also ist die Stadt, die Stanko Majcen 1963 als eine von “Zwieblen, Knoblauch, Schweinfleisch, Geflügel und Fett” beschrieb, wieder an einem Wendepunkt. Ein neues Image soll her. Neues Leben. Eine neue urbane Identität, weg vom alten Industriezeitalter, mit Vorliebe in eine progressive, kreative und kulturelle Richtung. Und das ist eine ganz schön große Bestellung.

Vor ein paar Wochen saß ich im Publikum bei einer Podiumsdiskussion mit Leuten aus der EU und noch ein paar anderen Offiziellen und es ging darum, was der Titel Kulturhauptstadt für einen Ort bedeutet. Irgendwann döste ich ein bisschen, wachte aber auf, als die blonde Dame von der EU meinte, dass der Stadtschreiber dabei geholfen hätte Maribor auf der europäischen Karte zu verorten.

“Wirklich? Ich?” Ich hörte hin, ganz konzentriert jetzt, gar nicht mehr müde, war doch plötzlich ziemlich spannend das ganze.

Ja, wegen mir wäre Maribor nun ein Begriff in den kulturellen Zentren Europas, in Berlin, Paris, Barcelona, sogar in New York gebe es schon Bewegungen nach Maribor zu ziehen in diesen neuen Hotspot der Kreativität: Berlin, rück rüber! Und alles nur wegen meines Blogs.

Kaum zu glauben, dachte ich. Wußte gar nicht, dass so viele meinen Blog lesen. Ich schüttelte meinen Kopf und damit landete ich leider wieder in der Realität, die Dame zitierte Zahlen aus dem Tourismusbereich und referierte über Städte in England, die es geschafft hätten, diese Bürde der untergegangen Industrie abzulegen: Liverpool etwa, oder Manchester. Es war überhaupt keine Rede vom Stadtschreiber. Na gut, ein schöner Traum, ich döste wieder ein.

Ein paar Tage später dachte ich über meine Heimatstadt nach, über Rüsselsheim, ebenfalls eine traditionelle Arbeiterstadt, das große Opelhauptwerk hat es berühmt gemacht (zumindest in der Autobranche). Aber seit Jahren gehen die Produktionszahlen und damit die Arbeiterzahlen in den Keller. Die Stadt blutet aus und gerade im kulturellen Bereich tut sich nicht sonderlich viel. Sogar die heiligen Haupthallen stehen jetzt leer, einst Kathedralen des industriellen Zeitalters. Und was macht die Stadt? Sie diskutiert ernsthaft über ein neues Shoppingcenter. Als wäre Konsum die Lösung, Hauptsache die Leute können sich mit irgendwas beschäftigen. In diesem Sinne neide ich Maribor diesen Status, und ja, es ist nie sicher, was hinten bei rauskommt, aber irgendwas muss man ja probieren, nicht wahr? Hermann Hesse zum Beispiel sagte: “Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.”

Wendepunkt. Ich mag das Wort; erinnert mich irgendwie an Henry Miller an Alkohol, Zigaretten und Sex. Oh, Moment, das war Wendekreis des Krebses, nicht Wendepunkt.

Egal, jetzt sind die Gedanken da.

Passenderweise war Maribor für mich selbst auch ein Wendepunkt. Hatte ich vorher lange als Journalist gearbeitet - ein toller Job, aber auch scheiß’ stressig und die Krise in den Medien ist auch nicht wirklich lustig - kam ich nach Maribor mit einem Stipendium, das es mir erlaubte Abstand davon zu nehmen. Das tat ich. Genoß die Stadt, lernte sie und ihre Geschichte kennen, ging in Galerien und auf Konzerte, wanderte im Wald, aber am wichtigsten: ich konnte meine Gedanken in Stille entfalten und meine Stimme finden. Ideen nicht nur haben, sondern auch umsetzen und ausarbeiten. In aller poetischen Ruhe.

Ich habe das Gefühl gewachsen zu sein. Von dem, was ich von langjährigen Einwohnern höre, ist Maribor ebenfalls gewachsen. Und vielleicht wird es weiter wachsen, vielleicht aber auch schrumpfen, denn eines sollten wir nicht vergessen: es liegt in der Natur der Dinge, zu wachsen und zu schrumpfen, zu wachsen und zu schrumpfen. Städte, Länder, Nationen und Staaten steigen auf - und fallen auch wieder. So war es immer und so wird es wahrscheinlich immer sein.

Aber ich will an das Gute für Maribor glauben, daran, dass die jungen Leute hoffentlich nicht abwandern, nach Ljubljana oder ins Ausland, daran dass vielleicht einmal wieder Boote auf den Drei Teichen fahren, die Menschen an der neuen Promenade an der Drau flanieren. Vielleicht wird es sogar slowenische Restaurants in der Innenstadt geben, was mich persönlich sehr freuen würde, vielleicht wird Maribor aber auch zum Hauptquartier des Weintourismus in Slowenien, wenn die Welt erstmal merkt wie gut dieses Tröpfchen ist. Und das Wein und Kreativität zusammen gehen, wissen wir ja schon von den slowenischen Dichtern. Vor allem einer fällt mir da ein, wie heißt er noch mal, ja genau, Janko Glazer:

"Von allen Städten ist Maribor sicherlich am besten,

denn der Wein fließt in unsere Gläser

aus dem Osten und aus dem Westen"

*Text aus der Abschlusslesung in Maribor

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